Wenn wir uns an den Schulunterricht erinnern, dann ist der Geschichtsunterricht meistens etwas, was man mit überwiegender Langeweile verbindet. Nur wenige, besonders gute Lehrer schaffen es, das Interesse der Schüler an der Vergangenheit zu wecken.
Was uns vielmehr mit der Vergangenheit vor unserer Geburt verbindet, sind die Geschichten von Zeitzeugen.
Mein Großvater war einer von ihnen.
Winter 1945. Die Ostfront wird im Rahmen sogenannter angeblicher "Frontverkürzungen" schon seit langem Kilometer um Kilometer Richtung Westen zurückverlegt. Ende Januar stehen die russischen Truppen an der Oder.
Zu diesem Zeitpunkt sind schon Hunderttausende Deutsche aus dem östlichen Teil Deutschlands auf der Flucht in den Westen. Auch in Dresden sind erste Flüchtlinge eingetroffen.
Der Krieg ist schon längst entschieden, aber noch lange nicht zu Ende.
Mein Großvater war damals bei den Pionieren, wo er als Tischler seine handwerklichen Fähigkeiten sehr gut einbringen konnte. Seine Truppe hat den Befehl, sich nach Dresden zu begeben, um vom dortigen Hauptbahnhof Richtung Berlin zu fahren. Denn die russischen Truppen marschieren unaufhaltsam Richtung Hauptstadt und er soll sie mit seinen Kameraden verteidigen.
Irgendwie gelangt in den Tagen Anfang Februar eine Flasche Kartoffelschnaps in die Hände meines Großvaters und zweier Kameraden. Es muss ein mörderisches hochprozentiges Gesöff sein, denn als er wieder aus dem Rausch aufwacht, sind alle fort.
Da ein Soldat, der seiner Truppe abgängig ist, beim Aufgriff ohne Passierschein sofort als Deserteur bestraft wird, begibt er sich zum nächsten Truppenteil und meldet sich dort zum Dienst. Nach einer fürchterlichen Standpauke bekommt er den Befehl, als Tischler doch erstmal einige dringende Reparaturen durchzuführen, bevor er seiner eigentlichen Truppe mit entsprechenden Papieren hinterherreisen darf.
Es ist der 13. Februar 1945. Faschingsdienstag. Mein Großvater befindet sich 10 Kilometer außerhalb Dresdens und tischlert in irgendeiner Baracke. Seine eigentliche Truppe wartet am Hauptbahnhof auf den Zug, als es Nacht wird.
Um 21:45 Uhr wird Fliegeralarm ausgelöst.
In dieser Nacht versinkt Dresden im Feuersturm. Zuerst legen britische Bomberverbände die Stadt in Schutt und Asche, am 14. und 15. Februar folgen dann bei Tageslicht weitere Angriffe durch amerikanische Bomber.
Manche Brände lodern bis zu vier Tage lang. Viele der Opfer sind dermaßen zu Asche verbrannt, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Weitere können nicht mehr identifiziert werden. Das Elend ist namenlos groß.
Nationalsozialistische Propaganda redete von über 200.000 Toten, später versuchen sogar Rechtsextreme, die Opferzahlen des Holocausts mit den Zahlen der Bombenopfer zu verrechnen und die deutsche Schuld damit kleinzurechnen! Das sind die Momente, wo ich mich fremdschäme.
Jüngere Nachforschungen haben eine realistischere Opferzahl ermittelt, die bei mindestens 22.700 Toten liegt, die maximale Zahl von 25.000 aber nicht übersteigt.
Es sind trotzdem zuviele.
Die Diskussion, ob dieser Angriff auf die Zivilbevölkerung so kurz vor Kriegsende wirklich nötig gewesen wäre, ist müßig. Ob es sich wirklich um einen Racheakt der Engländer wegen des deutschen Bombardements von Coventry handelte oder um eine strategische Maßnahme, um den Industiestandort und Verkehrsknotenpunkt Dresden auszuschalten - es ändert nichts am Geschehenen.
Mein Großvater hat, anders als die vielen Opfer, den Feuersturm von Dresden überlebt. Eine Flasche Kartoffelschnaps hat ihm einen Riesenärger eingebracht und sein Leben gerettet.
Er gelangte dann doch noch an die Front und sollte Berlin verteidigen - und wurde dann von den Russen gefangengenommen und inhaftiert. Dabei ging sein Knie kaputt. Wieder ein Unglück, das sich als Glück erweisen sollte...denn dieses Knie verhinderte, dass er nach Sibirien verschleppt wurde.
Im Oktober 1945 kam er dann nach Hause, abgemagert auf 45 Kilo Gewicht und so kaputt, dass seine damalige Frau ihn nicht wiedererkannte. Kurz darauf zerbrach die Ehe, sie hatte sich schon als Kriegswitwe gesehen und anderweitig neu orientiert...aber auch dieses Unglück sollte sein Glück werden, denn so hat er meine Großmutter kennengelernt und mit dieser war er 54 Jahre lang glücklich verheiratet, bekam 4 Kinder und 8 Enkel.
Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil die letzten Zeitzeugen mittlerweile so alt sind, dass sie bald nicht mehr unter uns weilen werden. Und weil die Erfahrung zeigt, dass nachfolgende Generationen dazu neigen, die Fehler der Alten zu wiederholen, sobald kein Direktbetroffener mehr davon berichten kann.
Und weil ich Geschichte in Geschichten erzählen will, um die jungen Leute dafür zu interessieren. Denn nur so können sie aus den Fehlern vorangegangener Generationen lernen und Leid vermeiden.
Ich möchte meine Kinder und nachfolgende Generationen in Frieden aufwachsen sehen.
Und wenn ich lese, dass Israel wegen der atomaren Aufrüstung des Irans immer lauter einen sogenannten "Präventivschlag" fordert und der Konflikt längst den diplomatischen Rahmen verlassen hat, dann wird mir elend zumute.
Denn auch die letzten Opfer von Hiroshima und Nagasaki sind so alt, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die uns ermahnen können.
Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen.
John F. Kennedy hat 1961 in einer Rede vor den vereinten Nationen gesagt:
"Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende."
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Montag, 13. Februar 2012
13. Februar, Dresden
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Dresden 1945,
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