Montag, 13. Februar 2012

13. Februar, Dresden

Wenn wir uns an den Schulunterricht erinnern, dann ist der Geschichtsunterricht meistens etwas, was man mit überwiegender Langeweile verbindet. Nur wenige, besonders gute Lehrer schaffen es, das Interesse der Schüler an der Vergangenheit zu wecken.
Was uns vielmehr mit der Vergangenheit vor unserer Geburt verbindet, sind die Geschichten von Zeitzeugen.

Mein Großvater war einer von ihnen.

Winter 1945. Die Ostfront wird im Rahmen sogenannter angeblicher "Frontverkürzungen" schon seit langem Kilometer um Kilometer Richtung Westen zurückverlegt. Ende Januar stehen die russischen Truppen an der Oder.
Zu diesem Zeitpunkt sind schon Hunderttausende Deutsche aus dem östlichen Teil Deutschlands auf der Flucht in den Westen. Auch in Dresden sind erste Flüchtlinge eingetroffen.

Der Krieg ist schon längst entschieden, aber noch lange nicht zu Ende.

Mein Großvater war damals bei den Pionieren, wo er als Tischler seine handwerklichen Fähigkeiten sehr gut einbringen konnte. Seine Truppe hat den Befehl, sich nach Dresden zu begeben, um vom dortigen Hauptbahnhof Richtung Berlin zu fahren. Denn die russischen Truppen marschieren unaufhaltsam Richtung Hauptstadt und er soll sie mit seinen Kameraden verteidigen.

Irgendwie gelangt in den Tagen Anfang Februar eine Flasche Kartoffelschnaps in die Hände meines Großvaters und zweier Kameraden. Es muss ein mörderisches hochprozentiges Gesöff sein, denn als er wieder aus dem Rausch aufwacht, sind alle fort.
Da ein Soldat, der seiner Truppe abgängig ist, beim Aufgriff ohne Passierschein sofort als Deserteur bestraft wird, begibt er sich zum nächsten Truppenteil und meldet sich dort zum Dienst. Nach einer fürchterlichen Standpauke bekommt er den Befehl, als Tischler doch erstmal einige dringende Reparaturen durchzuführen, bevor er seiner eigentlichen Truppe mit entsprechenden Papieren hinterherreisen darf.

Es ist der 13. Februar 1945. Faschingsdienstag. Mein Großvater befindet sich 10 Kilometer außerhalb Dresdens und tischlert in irgendeiner Baracke. Seine eigentliche Truppe wartet am Hauptbahnhof auf den Zug, als es Nacht wird.

Um 21:45 Uhr wird Fliegeralarm ausgelöst.
In dieser Nacht versinkt Dresden im Feuersturm. Zuerst legen britische Bomberverbände die Stadt in Schutt und Asche, am 14. und 15. Februar folgen dann bei Tageslicht weitere Angriffe durch amerikanische Bomber.
Manche Brände lodern bis zu vier Tage lang. Viele der Opfer sind dermaßen zu Asche verbrannt, dass sie nicht mehr auffindbar sind. Weitere können nicht mehr identifiziert werden. Das Elend ist namenlos groß.

Nationalsozialistische Propaganda redete von über 200.000 Toten, später versuchen sogar Rechtsextreme, die Opferzahlen des Holocausts mit den Zahlen der Bombenopfer zu verrechnen und die deutsche Schuld damit kleinzurechnen! Das sind die Momente, wo ich mich fremdschäme.

Jüngere Nachforschungen haben eine realistischere Opferzahl ermittelt, die bei mindestens 22.700 Toten liegt, die maximale Zahl von 25.000 aber nicht übersteigt.

Es sind trotzdem zuviele.
Die Diskussion, ob dieser Angriff auf die Zivilbevölkerung so kurz vor Kriegsende wirklich nötig gewesen wäre, ist müßig. Ob es sich wirklich um einen Racheakt der Engländer wegen des deutschen Bombardements von Coventry handelte oder um eine strategische Maßnahme, um den Industiestandort und Verkehrsknotenpunkt Dresden auszuschalten - es ändert nichts am Geschehenen.

Mein Großvater hat, anders als die vielen Opfer, den Feuersturm von Dresden überlebt. Eine Flasche Kartoffelschnaps hat ihm einen Riesenärger eingebracht und sein Leben gerettet.

Er gelangte dann doch noch an die Front und sollte Berlin verteidigen - und wurde dann von den Russen gefangengenommen und inhaftiert. Dabei ging sein Knie kaputt. Wieder ein Unglück, das sich als Glück erweisen sollte...denn dieses Knie verhinderte, dass er nach Sibirien verschleppt wurde.

Im Oktober 1945 kam er dann nach Hause, abgemagert auf 45 Kilo Gewicht und so kaputt, dass seine damalige Frau ihn nicht wiedererkannte. Kurz darauf zerbrach die Ehe, sie hatte sich schon als Kriegswitwe gesehen und anderweitig neu orientiert...aber auch dieses Unglück sollte sein Glück werden, denn so hat er meine Großmutter kennengelernt und mit dieser war er 54 Jahre lang glücklich verheiratet, bekam 4 Kinder und 8 Enkel.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil die letzten Zeitzeugen mittlerweile so alt sind, dass sie bald nicht mehr unter uns weilen werden. Und weil die Erfahrung zeigt, dass nachfolgende Generationen dazu neigen, die Fehler der Alten zu wiederholen, sobald kein Direktbetroffener mehr davon berichten kann.
Und weil ich Geschichte in Geschichten erzählen will, um die jungen Leute dafür zu interessieren. Denn nur so können sie aus den Fehlern vorangegangener Generationen lernen und Leid vermeiden.

Ich möchte meine Kinder und nachfolgende Generationen in Frieden aufwachsen sehen.

Und wenn ich lese, dass Israel wegen der atomaren Aufrüstung des Irans immer lauter einen sogenannten "Präventivschlag" fordert und der Konflikt längst den diplomatischen Rahmen verlassen hat, dann wird mir elend zumute.
Denn auch die letzten Opfer von Hiroshima und Nagasaki sind so alt, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die uns ermahnen können.

Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen.

John F. Kennedy hat 1961 in einer Rede vor den vereinten Nationen gesagt:
"Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende."

Kommentare:

  1. Ich danke dir.
    Meine Großeltern sind zT verstorben. Aber meine Oma erinnerte sich bis zum Tod an jene Tage, jeden Februar. Der Himmel hat gebrannt..so waren ihre Worte...Man hat Dresden so weit hin brennen und qualmen sehen..wir leben ja in Sachsen.

    viele Grüße
    Katharina

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  2. Ich bin 1943 geboren, habe demnach vom Krieg selbst nichts mehr bewußt mitgekriegt. Was mir noch immer lebhaft in Erinnerung ist, ist aber die Nachkriegszeit, in der wir alle hungerten, trotz Lebensmittelkarten, die hinten und vorne nicht reichten, um jedes Stück Brot musste meine Mutter sich anstellen, Milch und andere Grundnahrungsmittel waren so rar, dass sie durchaus nicht täglich zur Verfügung standen.
    In Österreich, (das ja selbst angeblich okkupiert wurde - welch Scheinheiligkeit!) wurde während meiner gesamten Schulzeit über diese jüngste Vergangenheit GESCHWIEGEN und ich bin noch heute darauf stolz, dass ich sehr früh an zeitgenössischer Literatur (auch deutscher natürlich) interessiert war und mir dabei unter anderen Wolfgang Borchert untergekommen ist, dessen Gesamtwerk, das nahezu nur die Zeit des Krieges beinhaltet (geboren 1921 in Hamburg, gestorben 1947 in Basel, aktiver Kriegsteilnehmer wider Willen). Sein literarisches Werk hat mich als Jugendlicher stark geprägt und ich kann nur allen, besonders jenen, die heute die damaligen Ereignisse zu verniedlichen versuchen, anraten, sich Wolfgang Borchert zu besorgen und immer und immer wieder zu lesen!!!
    Viele Jahre später entdeckte ich Friedrich Dürrenmatt, von dem mir folgende Aussage bis heute in Erinnerung ist: "Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen!"

    Deshalb: vergeßt nicht und wehret den Anfängen!

    Heinz Tindl

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  3. Danke. Meine Großeltern sind auch schon verstorben aber mein Opa hat mir auch viele Geschichten aus dem Krieg erzählt. Er war Flieger und der Bordfunker in seiner Maschine. Sein Flugzeug war das einzige der gesamten Staffel, das wieder nach Hause kam. Ich bin mit Geschichten vom Krieg aufgewachsen und mir wurde auch vor längerer Zeit bewusst, dass diese "Zeitzeugen" so langsam "aussterben"... das fühlt sich für mich komisch an. Ich warte nun darauf, dass mein Sohn das Thema 2. Weltkrieg in der Schule hat und dann werde ich die Geschichten zumindest weitergeben, die ich als Kind so oft gehört habe.
    Liebe Grüße

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  4. Mein Opa sollte auch an diesem tag in Dresden sein! Ich weiß nicht mehr was ihn aufhielt, er ist ja leider auch schon lange tot, aber daran erinnere ich mich, als er es erzählte...und dann auch russische Kriegsgefangenschaft...ich kenne die Frauenkirche auch noch als Ruine aus meiner Kindheit...

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  5. Ich kenne die Frauenkirche auch als Ruine, aber ich war auch schon ein paar mal drin, als sie wiederaufgebaut worden war. Es ist irgendwie ein kleines Zeichen von Frieden. Ein Stück Dresden -

    meine Nachbarin ist 94 und kommt ursprünglich aus DD. Sie sagt, es war in jener Nacht so hell durch die Feuer der Bomben, dass sie auf der Terasse Zeitung lesen konnte.

    Ich bin jedoch begeistert, dass dieses Jahr die Demo zum 13. Februar friedlich ablief -

    Lg Krissi

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  6. Danke für diesen Post. In diesem Winter ist meine Mama mit 10 Jahren übers Haff aus der Heimat Ostpreussen geflüchtet.
    Sie hat nie darüber gesprochen, ein Leben lang gelitten. Sie verlor eine Schwester, später als Spätfolge noch einen Bruder. Ein Onkel wurde nie gefunden, es wird vermutet, dass er in Dresden war...
    Ihr Schwester, die einzigste die heute noch lebt, fängt jetzt mit 90 Jahren an über das Entsetzliche zu sprechen.
    Du hast leider so recht mit Deinen Schlusssätzen....
    alles Liebe
    Elisabeth

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  7. Danke für dieses Posting. Ich habe es gespannt gelesen. meine eine omi ist aus preußen geflüchtet mit ihrer familie. da war sie noch sehr jung. und meine andere omi ist auch geflüchtet, aber aus einem anderen teil. sie ist leider 2008 verstorben. sie hat mir oft unter tränen berichtet wie ihr flüchtlingstrupp überfallen wurde und die jungen mädchen und kinderlosen frauen "verschleppt" wurden. ich mag das kind hier nicht beim namen nennen, wir wissen ja was dort passiert ist. sie hat hier meinen opa kennengelernt, der auch geflohen ist. ein großer teil seines flüchtlingstrupps hat versucht über das gefrorene meer zu flüchten. seine familie hat abgedreht, ein wink des schicksals, denn die menschen brachen in der eiskalten see ein...ich höre auch heute noch gespannt zu wenn meine noch lebende oma berichtet.

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  8. Ich bin in Frankreich aufgewachsen. Meine Großeltern wollten nicht über den Krieg sprechen. Über das Hamstern habe ich von Großmutter erfahren, dass es ihr viel Mut und Kraft gekostet hatte.

    Liebe Grüße

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