Dienstag, 1. März 2011

Burgprojekt, zweiter Teil

Ich möchte Euch heute mal zeigen, was mein Vierjähriger und ich gemeinsam an diesem trüben Nachmittag gewerkelt haben:
Die Burg verlangte nach einem Anstrich und nach 2,5 Stunden war sie fertig bemalt.

In der Reenactorszene gibt es dafür zweierlei Begriffe:

GNI: geschichtsnah interpretiert (was soviel heißt wie: man weiß mangels Fundlage nicht genau, wie man es früher handhabte, also überlegt man sich, was mit damaligen Mitteln möglich war)

ambientetauglich: Umschreibung für Ausrüstung, die zwar absolut nicht authentisch ist, aber dem unwissenden Marktbesucher gern als "irgendwie mittelalterlich" verkauft wird. Gruselig!

Unser Burgmodell basiert auf einer typischen, wenn auch stark vereinfachte Wehrburg aus dem Mittelalter.
Vorn sieht man das Burgtor, über dem ein mit Schießscharten versehener Wehrgang liegt. Manchmal waren diese Wehrgänge auch überdacht zum Schutz der Verteidiger.

Das Burgtor weist mit Zugbrücke und Fallgitter gleich zwei typische Torsicherungen auf. Oftmals befand sich genau über dem Durchgang ein sogenanntes Mörderloch, durch das Eindringlingen im Verteidigungsfall heißes Wasser oder auch Pech auf die Köpfe gegossen wurde.
Links und rechts wird das Burgtor von zwei Türmen umrahmt, wobei der eine Turm mit einem Dach versehen und neben Verteidigungszwecken auch als Unterbringung für die Burgverteidiger diente.

Im Hintergrund sieht man den Palas, der von gleich zwei Bergfrieden eingerahmt ist. Der Palas enthielt den großen Burgsaal, der sowohl Repräsentationszwecken als auch Wohnzwecken diente. Er war der Lebensmittelpunkt auf der Burg. Morgens und abends speiste man in ihm, indem man Böcke aufstellte und Tischplatten auflegte. Nach dem Mahl wurde die Tafel "aufgehoben", was nichts anderes bedeutet, als dass die Tischplatten weggeräumt wurden.

Anschließend begab man sich zur Ruhe. Das Gesinde suchte sich eine Schlafstelle auf den Bänken oder auf dem Boden, das Küchenpersonal schlief in der Küche und die Burgherren in den Privaträumen, die sich oftmals in der Etage über dem Burgsaal befanden.

Im Palas befand sich häufig auch die Kemenate, sofern sie nicht in einem extra Gebäude untergebracht war. Die Kemenate war, neben der Küche, meistens der einzige beheizbare Raum. Im Winter tummelte sich also jeder, der konnte und durfte, entweder in diesen Räumen oder in den Stallungen, auch wenn es bedeutete, sich in schlecht beleuchteten und noch schlechter belüfteten Räumlichkeiten zu sein. Alles war besser als die Kälte.
Zwischen "Kemenate" und "Kamin" besteht also nicht nur ein praktischer Zusammenhang, sondern auch etymologische Verwandschaft.

Die beiden Burgfriede flankieren den Palas. Sie dienten im Verteidigungsfall als letzte Rückzugsmöglichkeit, wenn der Rest der Burg schon eingenommen war. Sie sind sechseckig, eine Bauform, die verteidigungstechnisch günstiger ist als ein viereckiger Grundriss.

Sehr anschaulich sind die beiden Erker an den Burgfrieden. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um einen Abtritt, also ein mittelalterliches Plumpsklo. Die Ausscheidungen fielen dann die Burgmauer entlang zu Boden. Gerade bei Burgen, die von einem Graben umgeben waren, wurde es immer wieder notwendig, diesen von Unrat und Abfällen, aber auch menschlichen Ausscheidungen zu reinigen, damit er nicht seine Verteidigungsfunktion verlor.
Dass diese Fäkalien- und Abfallentsorgung neben üblen Gerüchen auch gesundheitliche Gefahren verbreitete, wussten die Menschen seinerzeit noch nicht. Diese Entdeckung wurde erst im 19. Jahrhundert gemacht.

Die vier Türme der Burg sind so angeordnet, dass es keinen toten Winkel gibt, aus dem sich ein Angreifer anschleichen könnte. Sie sind miteinander durch eine zinnengekrönte Ringmauer verbunden, auf deren Innenseite ein Wehrgang verläuft. An der Innenseite der Ringmauer sind die Wirtschaftsgebäude (Küche, Schmiede, sonstige Werkstätten) und Stallungen der Burg angebaut. Manchmal befand sich die Küche auch im steinernen Kellergewölbe des Palas.

Eine gute, wehrhafte Burg verfügte über einen eigenen Brunnen oder wenigstens eine Zisterne, in der Regenwasser gesammelt werden konnte, um auch im Belagerungsfall eine Wasserversorgung sicherstellen zu können.

Diese hier abgebildete Burg ist in ihrem baulichen Zustand keine mittelalterliche Burg mehr, sondern weist eher den Charakter einer Schlossburg auf, die hauptsächlich Wohn- und Repräsentationszwecken diente. Für einen Verteidigungsbau sind die nach außen weisenden Fenster viel zu groß und die Türen in den beiden vorderen Wehrtürmen wären eine Einladung an jeden Angreifer gewesen. Wenn es ein Schlupftürchen gab, dann war es wirklich nur für Fußgänger geeignet und normalerweise auf der sicheren Seite der Burg angebracht. Im Verteidigungsfall wurde es schleunigst zugemauert, damit der Angreifer nicht zur Hintertür hereinspazieren konnte.

So, wie dieses Modell aussieht, bildet es eine frühere Festung ab, die deutlich später zur Schlossburg umgebaut wurde.

Und für meinen Vierjährigen ist es das Schloss vom Froschprinzen. Basta. "Mama, hör auf zu erklären! Kleb lieber Papier hinter die Fenster, damit sie schön bunt sind."

Und dann habe ich meinem Sohn zuliebe noch eine 20er LED-Lichterkette verbaut und für stimmungsvolle Beleuchtung gesorgt. Er hat mir übrigens mit großer Ausdauer bei dieser insgesamt fast 4 Stunden dauernden Bastelaktion geholfen, was ich für einen Vierjährigen für eine ziemliche Leistung halte.
Was mir mal wieder bestätigt, dass mein Großer sich durchaus mit Hingabe und Akribie einem Thema widmen kann, wenn es ihn wirklich fesselt. Seine Sprunghaftigkeit lässt sich durch geballten Informationsfluss und spaßmachende Beschäftigungsaufgaben also durchaus gut bändigen.

Dieses Jahr lernt er übrigens noch eine Burgform kennen, eine Motte: www.turmhuegelburg.de
Dort bin ich beim Wikingerlager dabei und natürlich werden wir dann auch die HoMis auf der Burg besuchen.


Sorry für die Bildqualität, ist nur eine Kompakte!
Und hier noch ein paar Bilder vom Nachbau einer echten Burg:
Motte mit Wassergraben

Blick von der Motte in den Burghof mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, im Vordergrund die Brücke über den Ringgraben, rechts Haus des Burgherrn, daneben diverse Wirtschaftsgebäude wie Küche, Vorratshaltung, Schmiede, Stallungen.

Blick vom Burgturm zur Kapelle. Man kann hier getraut werden!

Wikingerheerlager und Markt Pfingsten 2008, das blaue Zelt ist meins!

So, ich hoffe, Ihr hattet etwas Spaß an meinem kleinen Exkurs zum Thema Burgen in Mittelalter und Neuzeit. Falls Ihr Kinder habt, lohnt sich der Besuch der Turmhügelburg in Lütjenburg auf jeden Fall und ist einen Ausflug wert. Eintrittspreise sind sehr moderat und die Burgleute freuen sich über interessierte Besucher und ihre Fragen zum Thema. Hier gibts Geschichte und Geschichten zum Anfassen!

Viele Grüße
Postpanamamaxi

Kommentare:

  1. Sehr schön! Die Burg natürlich, aber auch das fundierte Burgwissen. Und das dein Kleiner so lange aushält, ist schon beachtlich. Immer wieder interessand neue Seiten bei den Kid zu entdecken...
    LG Anke

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  2. Danke dir, für so viel Einblick und Erklärung!
    So wurde ein Blog-Besuch für mich wieder mal auch lehrreich :-)
    Schade, dass Lütjenburg so weit weg ist. Aber Frau kann es sich ja mal merken...
    LG, Christin

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  3. Einfach klasse, deine Beschreibung, die Burg, dein großer, eure Bastelei, richtig schön. Und Burgen sowieso. Und Mittelalter auch.
    Aber ich bin froh in der heutigen Zeit zu leben, mir wäre sonst bestimmt arg kalt geworden.
    LG Marina

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